Moral.-Fragen Sie Frau Sibylle: Plädoyer für den Moralmenschen


Eine Kolumne von Sibylle Berg

Warum hat das Wort "Moral" für viele 
eigentlich einen ekligen Beigeschmack?
 Moralische Menschen bekommen zwar 
keinen Orden - aber ohne sie würde 
unsere Gesellschaft nicht funktionieren.

Der "Moralapostel" war der "Gutmensch" der Neunziger. "Moralinsauer". Auch so ein Schmähwort. Schmähung ist das heiße Ding der Saison, jetzt wo in Deutschland gerade die Grenzen der Kunst und Meinungsfreiheit verhandelt werden. Was sehr niedlich ist und im besten Fall eine Überarbeitung des Strafgesetzes nach sich zieht. (In einer Demokratie gibt es keine Staatsdiener und Staatsherren oder -damen, und "Angriffe gegen Staatsoberhäupter" ist eine Begrifflichkeit, die eher zu Diktaturen passt, möchte ich murmelnd anmerken.)Wo wir elegant wieder bei der Moral gelandet wären. Ein Wort, das für viele einen ekligen Beigeschmack zu haben scheint. Wann immer mich Journalisten fragen, ob ich eine Moralistin sei, klingt das, als wollten sie wissen ob, ich Dackel lebendig verzehre. Mit Babysoße. Was ist das nur mit dieser unklaren inneren Instanz, die sich keiner ausgedacht hat? Moralisches Handeln, das trotz der Deformation durch die Religion ein Instinkt in Tieren und Menschen zu sein scheint. Vielleicht bildet das Zusammenleben in einem Rudel sie aus, vielleicht ist sie, wie andere Sinne, ein Bestandteil des Seins.
Diesen - sagen wir - Instinkt kann man wahrnehmen oder ignorieren. Dann passiert halt der Mist, der täglich passiert. Dann wird gemordet, betrogen, verletzt, und - vielleicht ist eine fehlende moralische Instanz einfach eine Art Geisteskrankheit. Oder eine Störung, der man medikamentös beikommen müsste. Auf jeden Fall ist sie keine Eigenschaft, die es verdient, veralbert oder als Schmähwort gebraucht zu werden.
Sind Sie einer von den Guten?
Moral meint nicht, mal schnell im Netz über andere zu urteilen, sich zu erheben, sich seine Sekunde Wohlgefühl abzuholen, in einer Gruppe von Rechthabern, in Herabwürdigung irgendeines Spacken, der bei der Aufzählung aller LGBT Buchstaben einen vergessen hat. Moral nervt, weil sie einen mit den eigenen Schwächen konfrontiert. Man wüsste ja, wie es besser wäre. Ahnt, dass vieles nicht stimmt, was man tut, aber es ist so mühsam. Gegen geistige Bequemlichkeit anzugehen, eine harte Übung.

Und so verstecken sich viele hinter Ausreden, die ihr Arschsein rechtfertigen. Ich habe nur Anweisungen ausgeführt. Ich habe nur gemacht, was alle machen. Wenn ich es nicht tue, tut es eine andere. Tut doch keinem weh. Das eine Mal. Ich war gerade so im Stress. Ich muss doch den Kredit abbezahlen. Wenn ich das Tier nicht fresse, frisst es mich. Die da oben sind genauso schlimm. Was sag ich, noch viel schlimmer. Die anderen sind immer schlimmer. Oder sie behaupten Moral, sie belehren, sie maßregeln. Man will ja gar nicht wissen, wie die Klugscheißer sich fernab von ihrem Schreibtisch benehmen. Aus ihrem Elfenbeinturm heraus (Fanfare, dieses unsagbar blöde Wort zum ersten Mal benutzt, weil - ich es kann).
Wenn Sie ein moralischer Mensch sind, dann sind Sie einer oder eine von den Guten. Ihre Instinkte sind in Ordnung, vermutlich auch Ihr Gehirn, Sie nehmen sich die Zeit zu überlegen, was Ihr Handeln bewirkt, wie andere empfinden. Sie werden nicht besser durch Ihr Leben gehen, Sie bekommen weder einen Orden noch ein paar Extrajahre. Nichts wird leichter oder angenehmer. Aber - Sie sind weder krank noch ein Arschloch. Und dazu beglückwünsche ich Sie, sonst wird es keiner tun. Aber Sie helfen, das Zusammenleben vieler ein bisschen angenehmer zu machen.
PS: Wenn Sie sich in moralischen Fragen nicht ganz sicher sind, fragen Sie mich. Ich habe immer recht.

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