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viernes, 30 de junio de 2017

Supermarkt. Stolz auf Hamburgs mutige Helden



30/07/17

Messerattacke im Supermarkt



Am Tag nach der Messerattacke in einem Hamburger Supermarkt legen Menschen Blumen vor dem Tatort nieder, zünden Kerzen an. Auch Jamel Chraiet ist wieder in der Nähe - er und andere hatten den Angreifer verfolgt.

Jamel Chraiet sitzt in einem Café in Hamburg-Barmbek © dpa-Bildfunk Fotograf: Markus Scholz, dpa
Jamel Chraiet war einer der Männer, die den Täter in der 

Fuhlsbütteler Straße stellten.
In dem Moment, als Jamel Chraiet zu einem der Helden von Hamburg-Barmbek wird, geht alles ganz schnell. Eine Frau habe geschrien, dass jemand Menschen absteche, erinnert sich der 48-Jährige am Morgen nach der Messerattacke in einem Supermarkt. "Plötzlich haben wir einen Mann gesehen, mit einem langem Messer, blutverschmiert. Egal, wie cool man sonst ist, in einem solchen Augenblick weiß man erst einmal gar nichts." Der gebürtige Tunesier saß mit Landsleuten vor einem Backshop, wenige Meter entfernt vom Tatort - sie reagierten schnell. "Wir haben uns besprochen, jeder sollte einen Stuhl schnappen, dann sind wir auf ihn losmarschiert. Er wurde bereits von Leuten verfolgt, die auf ihn eingeredet haben."

 Sie schauten nicht einfach weg


Messerangriff in Barmbek © TV News Kontor Fotograf: Screenshot
Mit Stühlen marschierten die Männer auf den 26-Jährigen zu.
Ein 50 Jahre alter Mann war bei dem Angriff des 26-Jährigen ums Leben gekommen, sieben weitere Menschen teils schwer verletzt worden. Videoaufnahmen zeigen später, wie sich Männer mutig dem weiterhin mit dem Messer bewaffneten Mann mit Stühlen entgegenstellten. Wie viele Menschen den Angreifer bei seiner Flucht letztendlich verfolgten, ist noch unklar. Dennoch sind es diese Unerschrockenen, über die am Sonnabend nicht nur in Hamburg viele sprechen - ihr Einsatz erscheint vielen heldenhaft, auch weil sie nicht einfach wegschauten.
"Ich habe auch versucht, mit ihm zu reden, aber er hat nur etwas gesagt, was man überhaupt nicht verstanden hat", erzählt Chraiet, als er am Sonnabendmorgen wieder in jenem Café sitzt, von dem aus er und andere die Verfolgung aufnahmen. "Ob der in einer anderen Welt war? Keine Ahnung, was mit ihm los war." Es sei alles ganz schnell gegangen. Nur die Zeit, bis auch die Polizei da war - die sei ihm "verdammt lange" vorgekommen.

"Als Helden würde ich uns nicht bezeichnen"


"Aber als Helden würde ich uns nicht bezeichnen, das ist einfach eine normale Reaktion", sagt Chraiet. Das ganze Café sei voll gewesen, sie hätten einfach alle etwas tun müssen. Er sei aber froh, dass auch er und seine Landsleute an der Verfolgung beteiligt gewesen seien, betont der Mann, der seit 27 Jahren in Deutschland lebt und bei der Hamburger Hochbahn arbeitet. "Damit die Leute sehen, es gibt auch andere, die nicht so sind."
Auch für den Betreiber des Backshops sind die Männer, die so viel Zivilcourage bewiesen, durchaus Helden. Wer weiß, was passiert wäre, "wenn sie ihn nicht aufgehalten hätten", sagt Ahmet Dogan. Stolz verweist er ebenfalls darauf, "dass es ausländische Mitbürger waren", die den Angreifer - in den Vereinigten Arabischen Emiraten geboren und der Volksgruppe der Palästinenser angehörend - aufhielten. Am Sonnabend gibt es in seinem Laden kein anderes Thema - wie überall in der Einkaufsstraße. Der Edeka-Markt indessen bleibt geschlossen. Davor haben Barmbeker Blumen niedergelegt und Kerzen angezündet.

 "Ganz schmerzhafter Moment für uns alle"


Hamburgs Innensenator Andy Grote und Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz legen vor einem Supermarkt in Hamburg-Barmbek Blumen nieder Blog de Juan Pardo
Bürgermeister Olaf Scholz und Innensenator Andy Grote kamen am Sonnabend zum Tatort in Barmbek.
Bürgermeister Olaf Scholz und Innensenator Andy Grote (beide SPD) kommen ebenfalls nach Barmbek, legen Blumen nieder und sprechen mit Augenzeugen. "Es ist sehr bewegend, berührend, den Tatort zu sehen, mit denjenigen zu sprechen, die vor Ort waren, und das alles erlebt haben, geholfen haben oder hinter dem Täter hergelaufen sind", sagt Scholz. "Das ist ein ganz schmerzhafter Moment für uns alle." Er sei sehr stolz auf die Hamburger, die sofort geholfen hätten.

"Das kann ja überall passieren"

Zwei ältere Damen bringt die Bluttat erstmals zusammen: Die beiden 75-Jährigen lernen sich kennen, als eine von ihnen eine Sonnenblume vor dem Tatort ablegt. Sie sei während des Angriffs anwesend gewesen, wolle aber nicht darüber sprechen und ihren Namen nicht nennen, sagt sie. Nun trinkt sie spontan mit Ingrid Merten, die in einem Seniorenheim in der Nähe lebt und fast jeden Tag in dem Supermarkt einkauft, spontan gemeinsam einen Kaffee. Auch Margot Hansen (78) ist zum Edeka, in dem sie am Vortag noch Einkäufe erledigt hatte, gekommen, um der Opfer zu gedenken. Sie gehe jetzt schon mit einem mulmigen Gefühl einkaufen, sagt sie. "Das kann ja überall passieren."

 "Die Bilder gehen einem nicht aus dem Kopf"

WEITERE INFORMATIONEN
Blog de Juan Pardo.- Einen Tag nach dem Messerangriff in einem Supermarkt in Hamburg-Barmbek trauern Anwohner um die Opfer. © NDR Fotograf: Anna Rüter
mit Video

Nach dem Messerangriff: Barmbek unter Schock

In Hamburg-Barmbek trauern Anwohner um die Opfer einer Messerattacke. Am Freitag hatte ein Mann einen anderen mit einem Messer erstochen und sechs Menschen teils schwer verletzt.
In der Nähe unterhalten sich zwei weitere Frauen. Ihre Namen wollen sie nicht nennen, am liebsten gar nicht mehr über alles sprechen. Eine von ihnen ist Verkäuferin in der Edeka-Filiale, die andere hörte in ihrer Wohnung die "Allahu Akbar"-Schreie (Gott ist groß). "Wir haben gesehen, wie die Leute mit Stühlen hinterhergelaufen sind. Alles war unheimlich laut", berichtet sie. Innerhalb eines Tages habe sich das Leben geändert. "Man fühlte sich immer sicher. Das Grauen war woanders, aber nie hier in Barmbek." Ihr Viertel sei sehr bunt, unterschiedliche Nationalitäten lebten gut zusammen. Dass der Täter ein Flüchtling ist, kommentiert sie mit: "Danke, Frau Merkel". 
Jamel Chrait will am Sonnabend nun die Einkaufsliste abarbeiten, die ihm seine Frau schon am Vortag über WhatsApp geschickt hatte. Über den Messenger-Dienst habe ihn rund eine halbe Stunde nach der Messerattacke auch eine besorgte Nachricht seines 18-jährigen Sohnes erreicht: "Ruf sofort an!!". Seine Familie sei froh gewesen, dass er heil nach Hause gekommen sei. Und er selbst? Irgendwann in der Nacht habe er es geschafft, einzuschlafen. "Aber es hat lange gedauert. Die Bilder gehen einem nicht aus dem Kopf."
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