Eigentlich müsste sie jetzt starten, die heiße Phase. Doch in
diesem Wahlkampf ist bisher so gar nichts heiß. Exakt 39 Tage noch sind es bis
zum Wahltag. Doch die Siegerin scheint festzustehen, der Verlierer auch, und
einzig der Kampf um Platz drei verspricht noch Spannung.
Ist das Rennen wirklich schon gelaufen? Kann sich Angela
Merkel auf eine vierte Amtszeit als Kanzlerin vorbereiten? Schließlich liegt
ihre Union in Umfragen gut 15 Prozentpunkte vor den Sozialdemokraten.
Oder trügt der Schein? Kommt es am Ende vielleicht ganz
anders als erwartet?
Martin Schulz jedenfalls müht sich, aber seiner Kampagne
fehlt die zündende Idee, der Esprit. Er wirkt eben nicht auf den ersten Blick
wie eine echte Alternative zu Merkel. Wahlkämpfe werden aber nun mal von denen
gewonnen, die sich als Alternative und nicht als bloße Variante zu verkaufen
wissen.
Es ist ja nicht so, dass es Merkels CDU in diesem Wahlkampf
so viel besser macht. Auch hier herrscht in Kampagnedingen das politische
Biedermeier. Nur: Die Union muss ja auch nicht angreifen.
Merkel-Konkurrent Schulz im Wahlkampf
So ist die Lage, oberflächlich betrachtet. Schaut man genauer
hin, fallen ein paar interessante Details auf, die doch noch Spannung in diesen
Wahlkampf bringen könnten: Zum Beispiel, dass die Unionsstrategen einen kleinen
Schreck bekamen, als die Kanzlerin vergangene Woche mit einer Umfragedelle aus
dem Urlaub zurückkehrte: Laut ARD-"Deutschlandtrend" kommt sie im
August zwar noch immer auf 59 Prozent Zustimmung und liegt damit deutlich vor
Herausforderer Schulz (33 Prozent), doch hat sie im Vergleich zu Juli zehn
Prozentpunkte verloren.
Möglicherweise ist das die Dieseldelle: Schließlich hatte
sich Merkel auf dem Regierungsgipfel zum Dieselskandal nicht blicken lassen.
Hat das die Wähler irritiert? Gleich zu Wochenbeginn ging Merkel in die
Offensive, suchte das Versäumnis wettzumachen: Das Dieselthema soll nun
Chefsache werden, beim nächsten Gipfel im Herbst, so Merkel, "werde ich
sicherlich dabei sein, wenn ich die Chance habe, im Wahlkampf erfolgreich zu
sein".
Die Aufregung um den Diesel zeigt beispielhaft, dass die Wahl
noch nicht gelaufen ist. Denn ein dahindümpelnder Wahlkampf mag grundsätzlich
der Amtsinhaberin nutzen; doch birgt thematische Windstille auch die
Möglichkeit, dass unvorhergesehene Ereignisse plötzlich breitere Aufmerksamkeit
erreichen können als unter normalen Umständen.
Damit ist die erste Gefahr für Merkel das plötzliche
Auftreten neuer Themen. Die Verwundbarkeit der Kanzlerin belegt auch ein
Interview mit der "Super Illu", in dem sie - erstmals - ein
generelles Verbot von Autos mit Verbrennungsmotoren als sinnvoll erachtet, ohne
allerdings konkrete Ansagen zu machen: "Ich kann jetzt noch keine präzise
Jahreszahl nennen, aber der Ansatz ist richtig." Das dürfte nicht nur ihre
Parteifreunde verunsichern, sondern auch manchen potenziellen Wähler.
Gegenkandidat Schulz erkannte die Brisanz, kritisierte Merkels Aussage prompt
als Forderung nach einem "Dieselverbot".
Die zweite Gefahr für Merkel ist die Siegesgewissheit.
Sollten zu viele potenzielle Unionswähler den Eindruck gewinnen, die Wahl sei
eh schon gelaufen, könnte am Wahltag das böse Erwachen in Folge von
Wahlenthaltung drohen. Auffällig, wie Merkel in den letzten Tagen immer wieder
gegen diese Gefahr ankämpft. Bei einem Auftritt vor dem CDU-Arbeitnehmerflügel
am vergangenen Wochenende wendete sie sich nach dem Ende ihrer Rede noch einmal
ans Publikum: Sie habe ganz vergessen zu sagen, "dass die Wahl natürlich
noch nicht entschieden ist".
Merkel ist gebranntes Kind in dieser Angelegenheit, vor zwölf
Jahren verspielte sie ihren sicher geglaubten Wahlsieg gegen Gerhard Schröder
beinahe noch auf den letzten Metern. Zudem treibt sie die Sorge um, dass zu
viele ihrer Wähler aufgrund eigener Siegesgewissheit zu den Liberalen abwandern
könnten, FDP-Chef Christian Lindner wirbt bereits mit dem Argument der
angeblich bereits entschiedenen Kanzlerschaft um die Merkel-Wähler. Die
Kanzlerin konterte im Deutschlandfunk: Jeder kämpfe "erst einmal für sich
allein". Ob die FDP der "natürliche Partner" der Union sei?
"Wenn es einen natürlichen Partner gibt, dann ist es die CSU", so
Merkel kühl.
Werden Sie Facebook-Fan des SPIEGEL-Hauptstadtbüros: Wir
versorgen Sie mit News, Analysen, Videos und Fotos aus dem politischen Berlin.
Dritte Gefahr für die Kanzlerin sind die kommenden
Fernsehauftritte, insbesondere das TV-Duell mit Martin Schulz am 3. September.
Sie wirkt ja bei solchen Auftritten eher hölzern, manchmal unbeholfen. Schulz
dagegen wusste schon bei einem TV-Auftritt im Townhall-Format am vergangenen
Wochenende seine Bürgernähe auszuspielen.
Die vierte Gefahr schließlich hängt mit der Aussicht auf eine
vierte Amtszeit zusammen: Sollte in den eigenen Reihen noch während des
Wahlkampfs eine Nachfolgedebatte losbrechen, könnte Merkel den Wählern
politisch als lame duck erscheinen - obwohl sie bereits erklärt hat, für volle
vier Jahre anzutreten.
Der Auftakt zu einer solchen Debatte jedenfalls ist bereits
gemacht, nachdem Schleswig-Holsteins neuer CDU-Ministerpräsident Daniel Günther
gerade erklärt hat, die Union sei prima aufgestellt für die Zeit nach Merkel:
"Wir sehen, dass sich - historisch untypisch - während einer
CDU-Kanzlerschaft eine neue Riege von Ministerpräsidenten aufbaut, die zusammen
mit vielen weiteren jüngeren Leuten in Regierungsverantwortung eine Fülle von
Potenzial für eine Nach-Merkel-Ära garantieren."
Nun heißt es abwarten, wann genau diese Ära beginnt.
Blog de Juan Pardo
juanpardo15@gmail.com
https://blogdejuanpardo.blogspot.com.es/
No hay comentarios:
Publicar un comentario