Umfrage des Umweltministeriums: Über allen Gipfeln ist Schmuh
DPA
Wer ist für den Wald zuständig? Wer für die Landwirtschaft? Darüber wird in der Bundesregierung gestritten. Jetzt soll eine Umfrage entscheiden - aber kann der deutsche Naturromantiker Umweltpolitik bestimmen?
Ein alter Zwist spaltet die Bundesregierung: Unermüdlich kämpfen Umweltministerium und Landwirtschaftsministerium darum, wer bestimmen darf über den Umgang mit der Natur in Deutschland.Der Streit war in den vergangenen Monaten mehrfach eskaliert: Beschwerde briefe wurden getauscht zwischen den Ministerien, bei internationalen Abstimmungen blockierten sich beide, in Pressemitteilungen wurde die Politik des anderen offen angegriffen, bei internen Beratungen gerieten Mitarbeiter lautstark aneinander.
Die Vorhaben sind klar verteilt: Das Umweltministerium ringt um Klimaschutz, Waldschutz, Tierschutz, erneuerbare Energien. Das Landwirtschaftsministerium kämpft für die Interessen von Bauern, Fischern, Förstern, Tierzüchtern, Jägern und Agrarindustrie.
Streit entzündete sich beispielsweise an den Fragen: Welches Ministerium ist für Wälder zuständig? Welche Äcker sollen im Interesse des Umweltschutzes verändert werden? Sollen gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut werden dürfen?
Jetzt versucht das Umweltministerium den Konflikt mit einer Umfrage unter Bürgern über deren Einstellung zur Natur zu entscheiden, die sie am Mittwoch veröffentlicht hat. Für rund 263.000 Euro hat das Sinus-Institut in Kooperation mit dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung 2054 repräsentative Personen im Auftrag des Ministeriums befragt.
Ganz im Sinne der Ministerin
Die Ergebnisse scheinen ganz im Sinne von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks; die Umfrage soll ihrer Politik Rückenwind geben: "Die Deutschen wünschen sich eine Landwirtschaft, die naturverträglich ist und das Wohl der Tiere respektiert", sagt sie. "Die Bürgerinnen und Bürger senden uns starke Signale im Bereich der Agrarpolitik."
Es gebe eine große gesellschaftliche Mehrheit für eine Agrarwende. "Das bestärkt mich in meiner Forderung, das System der Agrarsubventionen vom Kopf auf die Füße zu stellen", sagt Hendricks. "Und was die Bevölkerung zu Recht nicht akzeptiert, sind gentechnisch veränderte Pflanzen."
Tatsächlich offenbaren die Antworten der Umfrage den musealen Blick der Deutschen auf die Umwelt: Natur ist ihnen wichtig, aber vor allem zur Erholung, als romantischer Freizeitpark, der am besten auch in der Großstadt leicht zu erreichen sein soll.
Natur müsse geschützt werden, sagen 93 Prozent der Deutschen in der Umfrage. Gentechnisch veränderte Pflanzen lehnen sie mit großer Mehrheit ab, und erneuerbare Energien werden befürwortet - auch wenn keine einzelne Form nachdrücklichen Rückhalt in der Bevölkerung erfährt, wie die Umfrage zeigt.
Doppelleben der Wohlstandsgesellschaft
Dass das Umweltministerium die Umfrage als Rückenwind empfindet, scheint verständlich - doch sein vermeintlicher Coup unterstreicht das Dilemma im Umgang der Deutschen mit der Umwelt: Die eigentlich naturferne Wohlstandsbevölkerung sieht die Natur als possierlichen Erholungsraum, der umfassend kontrolliert und abseits der Wohnorte saubere Energie und Nahrung liefern kann.
Die Interessen von Landwirten, Fischern oder der Industrie werden als Lobbyismus abgetan, wenn es darum geht, sie mit Umweltfragen abzuwägen. Sollen Flüsse ausge baggert, Fabriken angesiedelt oder Äcker ausgeweitet werden, fällt es meist leicht, eine bürgerliche Mehrheit dagegen zu gewinnen.
Landwirtschaftsflächen, so meint laut Umfrage eine Mehrheit der Deutschen, se ien für ihre Stadt verzichtbar; man möchte stattdessen Parkanlagen und Bäume. Nahrungsmittel und andere Konsumgüter, das ist bekannter Konsens, sollen gleichwohl hochwertig und möglichst billig sein.
Das Doppelleben der rohstoffzehrenden und gleichzeitig naturverbundenen Wohlstands gesellschaft hat Hans Magnus Enzensberger bereits vor 30 Jahren entlarvt in seinem Essay "Der Wald im Kopf". Moderne Metapher dazu ist der Großstadtmensch aus dem Dienstleistungsgewerbe, der mit dem klimatisierten Geländewagen zum Biomarkt oder in den Nationalpark fährt und die Grünen wählt.
Ökologisch anrüchige Berufe
Menschen hingegen, die in ökologisch anrüchigen Berufen arbeiten, finden oft keine demokratische Partei mehr, die sich zu ihnen bekennt. Die Ächtung dieser Berufe aus ökologischen Gründen treibe viele in rechtsradikale Parteien, diagnostizieren gerade politisch links ver ortete Medien.
Kann Deutschland auf diese Berufe und Industrien im Wesentlichen verzichten, wie es manche Umweltpolitiker suggerieren? Ist die umweltschädliche Autoproduktion in Stuttgart, München, Ingolstadt und Wolfsburg generell von Übel? Ist der Hamburger Hafen, der immer tieferes Elbwasser und Land verlangt, nicht mehr wichtig? Sollen Lebensmittel billig im Ausland oder teurer auf Biohöfen produziert werden?
"Naturschutzpolitik kann nur erfolgreich sein, wenn sie auf eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung stößt", rechtfertig das Umweltministerium seine Umfrage. Unstrittig sollen die Bürger über demokratische Wahlen bestimmen, ob etwa weiterhin mehr Fläche betoniert werden soll - oder ob sie Gentechnik möchten, oder welche Art von Landwirtschaft erwünscht ist.
Aber lässt sich die Meinung des Volkes zur Umweltpolitik tatsächlich aus Fragen zur Naturliebe ableiten, wie es das Umweltministerium tut?
Die Fachkompetenz der Bürger scheint außerdem beschränkt: Kaum jemand kann noch Getreidesorten auseinanderhalten; die Entfremdung der Deutschen von der Landwirtschaft ist nahezu vollkommen: Kaum noch jemand hat Schwielen von Landarbeit an den Händen. Und die Tiere, die sie essen, bringen andere für sie um - abseits der Städte.
Die deutsche Waldeinsamkeit
Das Romantisieren ihres Waldes gehört zum Nationalcharakter der Deutschen; das sehnsuchtsvolle Wort "Waldeinsamkeit" gibt es nur auf Deutsch. Die Grünen betonen zu Recht, ihre Agenda hätte den Heimatbegriff der Deutschen auf positive Weise belebt.Es dauert meist eine Weile, bis Ideal auf Realität trifft. Die nicht nur aus klimapolitischer Sicht zwar sinnvolle Energiewende etwa hat alsbald die Strompreise deutlich erhöht. Biolandwirtschaft bedeutet ebenfalls wünschenswerte Verbesserungen, aber eben auch teurere Nahrung.
Wie weit geht der Wunsch nach einer naturbelassenen Welt wirklich? Gilt er auch noch, wenn ein Wolf durch den eigenen Garten streunt?
Die wirkliche Natur ist keine Parklandschaft, sondern sie ist wild und gefährlich: Flusshochwasserkatastrophen in Deutschland sind dabei noch harmlos gegen Sturm- oder Erdbebendesaster. Dass Menschen gesund und komfortabel leben, verdanken sie wesentlich der Leistung ihrer Vorfahren, die gelernt hatten, sich die Natur vom Hals zu halten.
Die Vorhaben sind klar verteilt: Das Umweltministerium ringt um Klimaschutz, Waldschutz, Tierschutz, erneuerbare Energien. Das Landwirtschaftsministerium kämpft für die Interessen von Bauern, Fischern, Förstern, Tierzüchtern, Jägern und Agrarindustrie.
Streit entzündete sich beispielsweise an den Fragen: Welches Ministerium ist für Wälder zuständig? Welche Äcker sollen im Interesse des Umweltschutzes verändert werden? Sollen gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut werden dürfen?
Jetzt versucht das Umweltministerium den Konflikt mit einer Umfrage unter Bürgern über deren Einstellung zur Natur zu entscheiden, die sie am Mittwoch veröffentlicht hat. Für rund 263.000 Euro hat das Sinus-Institut in Kooperation mit dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung 2054 repräsentative Personen im Auftrag des Ministeriums befragt.
Ganz im Sinne der Ministerin
Die Ergebnisse scheinen ganz im Sinne von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks; die Umfrage soll ihrer Politik Rückenwind geben: "Die Deutschen wünschen sich eine Landwirtschaft, die naturverträglich ist und das Wohl der Tiere respektiert", sagt sie. "Die Bürgerinnen und Bürger senden uns starke Signale im Bereich der Agrarpolitik."
Umfrage des Bundesumweltministeriums
Ausgewählte Antworten der repräsentativen Umfrage
Persönliche Bedeutung von Natur
(in %)
Quellen: Bundesumweltministerium und Bundesamt für Naturschutz
Tatsächlich offenbaren die Antworten der Umfrage den musealen Blick der Deutschen auf die Umwelt: Natur ist ihnen wichtig, aber vor allem zur Erholung, als romantischer Freizeitpark, der am besten auch in der Großstadt leicht zu erreichen sein soll.
Natur müsse geschützt werden, sagen 93 Prozent der Deutschen in der Umfrage. Gentechnisch veränderte Pflanzen lehnen sie mit großer Mehrheit ab, und erneuerbare Energien werden befürwortet - auch wenn keine einzelne Form nachdrücklichen Rückhalt in der Bevölkerung erfährt, wie die Umfrage zeigt.
Doppelleben der Wohlstandsgesellschaft
Dass das Umweltministerium die Umfrage als Rückenwind empfindet, scheint verständlich - doch sein vermeintlicher Coup unterstreicht das Dilemma im Umgang der Deutschen mit der Umwelt: Die eigentlich naturferne Wohlstandsbevölkerung sieht die Natur als possierlichen Erholungsraum, der umfassend kontrolliert und abseits der Wohnorte saubere Energie und Nahrung liefern kann.
Die Interessen von Landwirten, Fischern oder der Industrie werden als Lobbyismus abgetan, wenn es darum geht, sie mit Umweltfragen abzuwägen. Sollen Flüsse ausge baggert, Fabriken angesiedelt oder Äcker ausgeweitet werden, fällt es meist leicht, eine bürgerliche Mehrheit dagegen zu gewinnen.
Landwirtschaftsflächen, so meint laut Umfrage eine Mehrheit der Deutschen, se ien für ihre Stadt verzichtbar; man möchte stattdessen Parkanlagen und Bäume. Nahrungsmittel und andere Konsumgüter, das ist bekannter Konsens, sollen gleichwohl hochwertig und möglichst billig sein.
Das Doppelleben der rohstoffzehrenden und gleichzeitig naturverbundenen Wohlstands gesellschaft hat Hans Magnus Enzensberger bereits vor 30 Jahren entlarvt in seinem Essay "Der Wald im Kopf". Moderne Metapher dazu ist der Großstadtmensch aus dem Dienstleistungsgewerbe, der mit dem klimatisierten Geländewagen zum Biomarkt oder in den Nationalpark fährt und die Grünen wählt.
Ökologisch anrüchige Berufe
Menschen hingegen, die in ökologisch anrüchigen Berufen arbeiten, finden oft keine demokratische Partei mehr, die sich zu ihnen bekennt. Die Ächtung dieser Berufe aus ökologischen Gründen treibe viele in rechtsradikale Parteien, diagnostizieren gerade politisch links ver ortete Medien.
Kann Deutschland auf diese Berufe und Industrien im Wesentlichen verzichten, wie es manche Umweltpolitiker suggerieren? Ist die umweltschädliche Autoproduktion in Stuttgart, München, Ingolstadt und Wolfsburg generell von Übel? Ist der Hamburger Hafen, der immer tieferes Elbwasser und Land verlangt, nicht mehr wichtig? Sollen Lebensmittel billig im Ausland oder teurer auf Biohöfen produziert werden?
"Naturschutzpolitik kann nur erfolgreich sein, wenn sie auf eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung stößt", rechtfertig das Umweltministerium seine Umfrage. Unstrittig sollen die Bürger über demokratische Wahlen bestimmen, ob etwa weiterhin mehr Fläche betoniert werden soll - oder ob sie Gentechnik möchten, oder welche Art von Landwirtschaft erwünscht ist.
Aber lässt sich die Meinung des Volkes zur Umweltpolitik tatsächlich aus Fragen zur Naturliebe ableiten, wie es das Umweltministerium tut?
Die Fachkompetenz der Bürger scheint außerdem beschränkt: Kaum jemand kann noch Getreidesorten auseinanderhalten; die Entfremdung der Deutschen von der Landwirtschaft ist nahezu vollkommen: Kaum noch jemand hat Schwielen von Landarbeit an den Händen. Und die Tiere, die sie essen, bringen andere für sie um - abseits der Städte.
Die deutsche Waldeinsamkeit
Das Romantisieren ihres Waldes gehört zum Nationalcharakter der Deutschen; das sehnsuchtsvolle Wort "Waldeinsamkeit" gibt es nur auf Deutsch. Die Grünen betonen zu Recht, ihre Agenda hätte den Heimatbegriff der Deutschen auf positive Weise belebt.Es dauert meist eine Weile, bis Ideal auf Realität trifft. Die nicht nur aus klimapolitischer Sicht zwar sinnvolle Energiewende etwa hat alsbald die Strompreise deutlich erhöht. Biolandwirtschaft bedeutet ebenfalls wünschenswerte Verbesserungen, aber eben auch teurere Nahrung.
Wie weit geht der Wunsch nach einer naturbelassenen Welt wirklich? Gilt er auch noch, wenn ein Wolf durch den eigenen Garten streunt?
Die wirkliche Natur ist keine Parklandschaft, sondern sie ist wild und gefährlich: Flusshochwasserkatastrophen in Deutschland sind dabei noch harmlos gegen Sturm- oder Erdbebendesaster. Dass Menschen gesund und komfortabel leben, verdanken sie wesentlich der Leistung ihrer Vorfahren, die gelernt hatten, sich die Natur vom Hals zu halten.
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