Barack Obama hat Angela Merkel wegen ihrer Flüchtlingspolitik über die Maßen gelobt. Das klingt nett. Tatsächlich ist es scheinheilig angesichts der amerikanischen Rolle in dem Drama.
Es hat der Kanzlerin bestimmt gut getan, vom amerikanischen Präsidenten gebauchpinselt zu werden. Und das auch noch für eine Position, für die sie zu Hause fast täglich Kritik einstecken muss: ihre Flüchtlingspolitik.
Merkel sei mutig, sagte Barack Obama bei seinem Besuch in Hannover . "Sie steht auf der richtigen Seite der Geschichte." Und weiter: "Angela versteht die Sehnsucht derer, denen ihre Freiheit verwehrt wurde und die nach einem besseren Leben suchen."
Und Sie, Mr President? Auf welcher Seite steht Ihr Land?
Obamas Komplimente waren sicher nett gemeint. Aber sie bekommen einen anderen Klang, wenn man sich klarmacht, was die USA bisher dazu beigetragen haben, die Flüchtlingskrise zu lösen: fast nichts.
Deutschland hat im gesamten Jahr 2015 mehr als 137.000 Menschen als Flüchtlinge anerkannt. Die USA haben im selben Jahr knapp 70.000 Flüchtlinge aufgenommen. Deutschland hat 81 Millionen Einwohner. In den USA leben 321 Millionen Menschen.
Man könnte jetzt sagen: Na ja, Änderungen brauchen Zeit. Die Flüchtlingskrise hat sich erst im vergangenen Sommer zugespitzt. Dass die USA nicht sofort Boote und Flugzeuge losschickten, um Syrer über den Großen Teich zu holen, ist verzeihlich.
Aber schlimm ist, dass die USA rundum zufrieden scheinen mit ihrer knauserigen Aufnahmepolitik. In diesem Jahr will Obama nämlich 85.000 Flüchtlinge aufnehmen - darunter 10.000 Syrer .
85.000. Mehr nicht? Das sind nicht einmal 0,03 Prozent der amerikanischen Bevölkerung.
Die britische Regierung, die sich bisher auch nicht gerade hilfsbereit bei der Verteilung der Flüchtlinge gezeigt hat, will immerhin 20.000 Syrer ins Land holen . Doppelt so viele. Und immer noch lächerlich wenige.
Eine geografische Gegebenheit hilft Obama und Cameron: Ihre Länder liegen jenseits des Meeres. Nur sehr wenige Flüchtlinge schaffen es, den Ärmelkanal zu überqueren. Wie viele fliehen schon über den Atlantik? Deshalb können die beiden Regierungschefs sich bequem zurücklehnen und sich selbst beglückwünschen, dass sie ein paar Tausend Syrer mehr in ihre Länder lassen.
Merkel kann das nicht. Ihr Land kann sich nicht abschotten. Die Flüchtlinge waren einfach da. Und als sie kamen, hatte Merkel wenig Zeit, darüber nachzudenken, dass "sie selbst einmal hinter einer Mauer gelebt" hat, wie Obama am Sonntag erwähnte.
Die Kanzlerin hat nicht nur menschlich gehandelt. Sie war pragmatisch. Auch wenn viele EU-Staaten es derzeit anders aussehen lassen wollen: Menschen, die vor Gewalt und Armut fliehen, lassen sich nicht aussperren und wegdrücken.
Wer es dennoch versucht, riskiert nicht nur unangenehme Bilder in den Nachrichten. Das Leid, das Tränengas , der Schlamm in Idomeni, das ist alles echt . Das geht auch nicht weg, nur weil man wegschaut. Es wird nur noch schlimmer.
Zum Krieg in Syrien, der so viele Menschen nach Europa treibt, fällt den USA nicht viel anderes ein, als die Terrormiliz IS zu bombardieren. Und auch die Rolle der USA in Afghanistan und im Irak ist nicht gerade die einer Friedenstaube.
Statt Merkel über den grünen Klee zu loben, hätte der US-Präsident in seiner achtjährigen Amtszeit selbst öfter nach den Prinzipien Politik machen sollen, die er für so lobenswert hält.
"Ich möchte dir persönlich für die Freundschaft danken", sagte Obama in Hannover zu Merkel. Schade nur, dass sich die Kanzlerin nicht an ihn wenden konnte, als sie in der Flüchtlingskrise Hilfe brauchte.
Dann hätte sie vielleicht nie einen Recep Tayyip Erdogan gebraucht.
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