Vor allem in der Nacht sei die Gefahr groß, angegriffen zu werden.
„Der letzte Raketen-Angriff auf das Lager fand im Dezember statt“, berichtet der Oberstleutnant. Niemand wurde verletzt. Seit dem ist es ruhig, die Lage offenbar im Griff. Dennoch sind die deutschen Soldaten im Wüstencamp in besonders geschützten Wohncontainern untergebracht. Auf dem kompletten Areal stehen meterhohe Schutzwände aus Schotter und Sand.
„Außerhalb des Lagers ist die IED-Bedrohung, also die Bedrohung durch improvisierte Sprengfallen oder Minen immer vorhanden", so Vogt, der täglich eine Bedrohungsanalyse erhält. Zuletzt starben drei französische Soldaten, als sie mit ihrem gepanzerten Fahrzeug in Tessalit auf eine Druckplatten-Mine fuhren. „Die Bedrohung ist in der Stadt Gao allerdings weniger groß, denn die Terroristen hier versuchen, zivile Opfer zu vermeiden“, sagt Vogt.
Foto: Claas Weinmann
Viele seiner Soldaten vergleichen den Einsatz oft mit Afghanistan.
Die malische, überwiegend muslimische Bevölkerung sei viel freundlicher und aufgeschlossener, heißt es unter den 80 Objektschützern, die abwechseln jeden Tag auf Staubpisten unterwegs sind. Bei ihren Patrouillenfahrten laufen Kinder hinter den Gefechtsfahrzeugen vom Typ Eagle und Dingo her und winken. Frauen baden unbekümmert nackt im Niger - nur ein paar Meter von den Deutschen entfernt.
„Oft verlangen die Dorfältesten oder Bürgermeister noch mehr Patrouillen von uns. Wir genießen hier einen ausgezeichneten Ruf“, sagt einer der Soldaten, der fast täglich zur Erkundung und Absicherung unterwegs ist. Die Touareg hingegen verziehen hingegen keine Miene, wenn sie auf die Bundeswehr treffen. Im Vergleich zum Einsatz am Hindukusch gebe es in Mali deutlich weniger Selbstmord-Attentäter. Eine Analyse der Vereinten Nationen zeigt: Die, die sich dennoch in die Luft sprengen, waren zumeist Ausländer.
MEHR ZUM THEMA BUNDESWEHR IN MALI
Doch die Sicherheitslage könnte sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen.
Der Grund: Es gibt in Mali einen sehr hohen Anteil an Jugendlichen. 50 Prozent der Bevölkerung sind unter 15 Jahren alt. „Wenn sie keine Perspektive haben, dann können sie gegen Bezahlung leicht radikalisiert werden“, warnt ein hochrangiger Soldat, der anonym bleiben möchte.
Foto: Claas Weinmann
Wer genau sind die Angreifer, die den deutschen Soldaten gefährlich werden könnten?
Camp-Castor-Chef Marc Vogt wird nachdenklich. „Es gibt nicht nur eine Gruppe hier in Mali.“ Der Oberstleutnant unterscheidet nach „bewaffneten Kräften“, die ein Friedensabkommen unterzeichnet haben. Sie seien mit dem Friedensprozess zwar einverstanden, aber „dennoch kann auch von diesen Gruppen stets eine potentielle Gefahr ausgehen.“
►Noch gefährlicher seien aber Terroristen, die in Mali einen muslimischen Staat etablieren wollen und die Präsenz westlicher Truppen entschieden ablehnen. „Sie wollen keine stabilen Verhältnisse.“ Je nach Region seien sie - auch über Familien- und Clan-Strukturen - mit ISIS oder Al Qaida im Islamischen Magreb vernetzt.
Doch nicht nur außerhalb des Camp Castor lauert die Gefahr!
„Das heiße und trockene Wetter macht vor allem den Soldaten zu schaffen, die frisch in den Einsatz kommen“, sagt Marc Vogt. Die Gefahr der Dehydrierung sei groß. „Der Boden hier strahlt die Hitze zurück, wir haben regelmäßig über 50 Grad.“
Auch die Fauna berge ein hohes Gesundheitsrisiko: Vor allem nachts lauern in den Kabelschächten, unter Steinen und fingerbreit großen Spalten der Schutzwände Giftschlagen, Skorpione und beißende Spinnen. Malaria-Prophylaxe sei für jeden Soldaten Pflicht. "Man muss ständig vorsichtig sein, wo man hinlangt, wo man sich bewegt und wie man handelt", sagt Vogt.
MEHR ZUM THEMA FLÜCHTLINGE
Bis zum Juni sollen 400 Soldaten in Camp Castor ihren Dienst tun: Aufwuchs, wie es in der Militärsprache heißt. Dazu gehören vor allem Soldaten, die sich um Aufklärung kümmern – mit Drohnen, Spähfahrzeugen, Radar und vielen Gesprächen mit Einheimischen.
So will die Bundeswehr Erkenntnisse gewinnen, „was sich überhaupt hier in diesem Land abspielt“, sagt Vogt. Die Ergebnisse werden an die Führung von MINUSMA weiter gegeben.
Oberstleutnant Marc Vogt ist einerseits ranghoher Soldat, andererseits aber auch ein Mensch mit Emotionen. Er sagt: „Vom militärischen Auftrag her ist diese Verwendung hier ein absoluter Höhepunkt. Die Kehrseite ist die private Seite. Ich bin verheiratet, habe drei Kinder. Bei allen habe ich durch Einsätze den ersten Geburtstag, den ersten Schritt und den ersten Zahn verpasst.“ Vogt drückt seine Zigarette aus, geht zurück in die Stabsstelle.
Wenige Meter neben der Camp-Zentrale fahren die Objektschützer aus Schortens (Niedersachsen) mit vier gepanzerten Schutzfahrzeugen auf dem roten, staubigen Boden in Richtung Niger-Brücke. Eine Patrouille rund um Bilali Koyra, Gao-Süd und Bagoundie.



