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Sie feiern Hochzeiten, Kinder spielen auf der Straße Fußball - immer in Angst, mitten im Krieg: Die Bewohner der syrischen Stadt Aleppo kennen keine Feuerpause.
Während in anderen Teilen Syriens eine Waffenruhe gilt, sind die Kämpfe im geteilten Aleppo so heftig aufgeflammt wie schon lange nicht mehr. Regimetruppen bombardieren die von Rebellen kontrollierten Stadtviertel, die Rebellen beschießen die von Regimetruppen besetzten Gegenden. Es sterben vor allem Zivilisten. Seit dem Ende der im Februar vereinbarten Waffenruhe haben Beobachter 250 Tote gezählt, viele von ihnen Frauen und Kinder.
US-Außenminister John Kerry will sich deswegen für die Rückkehr zu einer dauerhaften Waffenruhe in Syrien einsetzen. Die Wiederherstellung des landesweiten Waffenstillstands und ein Ende der Gewalt in der umkämpften Stadt Aleppo hätten "oberste Priorität", erklärte sein Sprecher am Samstag in Washington.
Kerry hat nach Angaben seines Sprechers am Freitag und Samstag mit dem Uno-Sondergesandten Staffan de Mistura und dem syrischen Oppositions-Koordinator Riad Hidschab telefoniert. Er habe in den Gesprächen klargemacht, dass wieder eine "dauerhafte, landesweite" Waffenruhe erreicht werden müsse.
In Aleppo wird weiter gekämpft
In der Nacht zum Samstag war auf Drängen der USA und Russlands zwaran zwei Frontlinien eine vorübergehende Feuerpause in Kraft getreten. Nach Angaben von Aktivisten legten die Konfliktparteien in der Rebellenhochburg Ost-Ghuta und in der Küstenprovinz Latakia die Waffen nieder.
Für Aleppo, das seit vergangener Woche täglich von der syrischen Luftwaffe bombardiert wird, wurde jedoch keine Feuerpause vereinbart. Vor allem Angriffe auf Krankenhäuser sorgten für Empörung, doch auch der Beschuss bewohnter Stadtviertel durch die Mörser der Rebellen fordert seinen Blutzoll.
Am Samstag ergriffen Dutzende Menschen die Flucht aus den von Rebellen gehaltenen Stadtvierteln, wie ein AFP-Korrespondent berichtete. Andere Bewohner verschanzten sich in ihren Häusern. "Die Situation ist unerträglich geworden", sagte Abu Mohammad, ein mit seiner Familie fliehender Einzelhändler.
Alltag inmitten des Terrors
Menschen, die in der Stadt ausharren, versuchen, einen Alltag inmitten des Terrors aufrecht zu erhalten. Kinder spielen in den Straßen Fußball, Menschen versammeln sich vor Cafés, sogar Hochzeiten werden in Aleppo abgehalten. Alles begleitet von der Kakophonie des Krieges, dem TakTakTak der Maschinengewehre, dem Heulen der Raketen, den Einschlägen der Mörsergranaten.
Die Lage in der geteilten Stadt sei Anlass zu "tiefer Besorgnis", erklärte Kerrys Sprecher. Die Truppen von Präsident Baschar al-Assad griffen in Aleppo "überwiegend unschuldige Zivilisten" an. Solche Angriffe seien "direkte Verstöße" gegen die Waffenruhe und müssten sofort aufhören.
Kerry forderte Russland auf, die syrische Regierung von den Luftangriffen abzubringen. Moskau müsse "Maßnahmen ergreifen", um die Verstöße gegen die Waffenruhe und vor allem die "willkürlichen Luftangriffe in Aleppo" zu beenden.
Russland lenkt ein
Während Russland am Samstag eine Waffenruhe für Aleppo noch kategorisch ausgeschlossen hatte, änderte sich der Kurs am Sonntag: Syriens enger Partner Russland hat eine Feuerpause für die heftig umkämpfte syrische Region Aleppo nicht ausgeschlossen. Der russische Generalleutnant Sergej Kuralenko sprach am Sonntag von "aktiven Gesprächen" - ohne jedoch Details zu nennen. Der Offizier lobte aber die vereinbarte Waffenruhe für Latakia und Damaskus.
"Die Waffenruhe hält. Wegen der erreichten positiven Ergebnisse ist sie für Damaskus in Absprache mit den syrischen Behörden und den amerikanischen Partnern um einen Tag, bis 24 Uhr am 1. Mai, verlängert worden", sagte Kuralenko der Agentur Interfax zufolge.
Der russische Außenpolitiker Konstantin Kossatschjow sagte in Moskau, vor einer Waffenruhe in Aleppo müsse der Westen in Syrien seine Unterstützung für bewaffnete Kräfte einstellen, die Präsident Baschar al-Assad stürzen wollen. "Dann wäre eine Feuerpause realistisch", sagte der Chef des Auswärtigen Ausschusses des Föderationsrats.
War die erste Waffenruhe ein Fehler?
Ein in Aleppo verbliebener orthodoxer Priester stellte gegenüber der "New York Times" auch eine Verbindung zwischen der jüngsten Waffenruhe und der Heftigkeit der Kämpfe nach dem Bruch der Waffenruhe her. Er sagte, die Rebellen hätten die Zeit genutzt, um sich zu verstärken, sowohl mit Kämpfern, als auch mit Waffen. Jetzt greifen sie mit neuer Kraft an.
Kerry reist am Sonntag nach Genf, um sich für die Rettung des Waffenstillstandes einzusetzen. Kerry wird dazu den UN-Sondergesandten de Mistura und seine Kollegen aus Saudi-Arabien und Jordanien, Adel al-Dschubeir und Nasser Dschudeh, treffen.
Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat de Mistura und den Oppositions-Koordinator Hidschab für Mittwoch zu einem Spitzengespräch nach Berlin eingeladen. Es gehe darum, "Ideen für eine Fortsetzung der Genfer Friedensgespräche zu entwickeln", kündigte Steinmeier in der "Welt am Sonntag" an. "Die neuerlichen Kämpfe rund um Aleppo und Damaskus erfüllen uns mit großer Sorge."
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