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sábado, 5 de noviembre de 2016

USA vor der Wahl Stürzt die Welt zurück in die Dreißiger?


Noch scheint unsere Welt eine andere als zur Zeit früherer Crashs und Kriege. Es gibt aber immer mehr Parallelen. Ein US-Präsident Trump könnte eine neue, globale Katastrophe auslösen.
Eine Kolumne von 
Aktionäre vor der New Yorker Börse (1929)
DPA
Aktionäre vor der New Yorker Börse (1929)
Es wäre nicht das erste Mal, dass eine historische Katastrophe durch etwas relativ Banales ausgelöst wird. Es wäre aber definitiv neu in der Menschheitsgeschichte, dass ein Desaster durch nicht ordnungsgemäß verschickte E-Mails in Gang kommt. Was dann auch das Einzige ist, was daran ein bisschen witzig ist.

Da droht der Wahlausgang die Welt über Nacht ein Stück an ein ziemlich düsteres Szenario heranzubringen: die Wiederholung eines Menschheitsdramas, ähnlich dem der Dreißigerjahre - ein Drama, dessen Ursprünge wie heute in den Auswüchsen der Jahrzehnte zuvor lagen. Natürlich nicht in E-Mails.Wenn die Amerikaner am Dienstag ihren neuen Präsidenten wählen, könnte Donald Trump gewinnen - ein Präsident mit wirren Einmauerungsideen und hohem Aggressionspotenzial. In normalen Zeiten wäre das verkraftbar, zumal Trump dann nie so weit gekommen wäre. Anno 2016 ist das anders.
Noch scheinen die Unterschiede zu den düstersten Zeiten groß. Nur glitt die Welt auch damals erst allmählich und dann plötzlich rapide ab. Schon jetzt zeigen sich fast unbemerkt stetig mehr Parallelen.
Die Welt war schon mal so globalisiert wie heute
Heute wie damals gingen den düsteren Zeiten ein paar Jahrzehnte scheinbar unbeschwerter Globalisierung voran. Nach Berechnungen von Ökonomen waren Anfang des 20. Jahrhunderts die Grenzen so offen und die Märkte weltweit in etwa so stark integriert wie dann erst wieder nach drei Jahrzehnten erneuter Globalisierung im Jahr 2000. Was viele Vorteile brachte. Die Leute brauchten zum Reisen nicht einmal Pässe.
Der britische Ökonom John Maynard Keynes beschrieb später einmal, wie bequem ein Londoner damals beim Teetrinken per Telefon rund um den Globus Sachen bestellen konnte, die vor seine Haustür gebracht wurden (wahrscheinlich von DHL). Und dass er von Kriegen bestenfalls in der Tageszeitung las.
Nur, dass das Ganze damals wie heute wirtschaftlich dramatische Kehrseiten hatte. Damals wie heute standen den Gewinnern eine Menge Verlierer gegenüber, die in den großen Umbrüchen ihre Arbeit verloren, wackelige Jobs hatten oder kaum Einkommen dazu gewannen. Was umso dramatischer wirkte, als die Reichen dank Liberalisierung unfassbar reicher wurden.
Ende der Zwanzigerjahre strichen die reichsten zehn Prozent der US-Bevölkerung ein Einkommen in Höhe von fast 50 Prozent des gesamten Nationaleinkommens ein, wie der französische Ökonom Thomas Piketty berechnet hat - ein absurder Höchstwert, der (erst) im erneuten Globalisierungswahn wieder erreicht wurde. Damals, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, entsprachen die Privatvermögen in Europa der Leistung ganzer Volkswirtschaften über sechs bis sieben Jahre. Irre. So ähnlich wie - nach den deutlich sozialeren Nachkriegsjahrzehnten - 2010 wieder.
Je liberaler die Regeln, desto größer der Einfluss von Spekulanten
Je liberaler es zuging, desto größer wurde auch der Einfluss der Finanzjongleure - und die Zahl der spekulationsbedingten Abstürze ganzer Volkswirtschaften. Nach Auswertung von US-Wirtschaftshistorikern nahm die Zahl der Finanzkrisen bereits vor dem Crash 1929 stark zu, ähnlich wie seit der Finanzliberalisierung der Achtzigerjahre bis zum Lehman-Crash 2008, dem größten Crash seit: 1929.
Damals wurden Finanzjongleure so enorm überbezahlt, dass das durchschnittliche Gehalt von Bankern mehr als 50 Prozent über dem Schnitt aller Beschäftigten lag - ein Wert, der nach dem Krieg gegen Null tendierte. Und seit unserer erneuten Finanzglobalisierung wieder da (und noch höher) ist, wo er beim letzten Drama war.
Es spricht einiges dafür, dass in alledem auch der Kern für den wachsenden Unmut im Volk liegt. Je stärker der Einfluss der Finanzsphäre, desto stärker der Eindruck, dass die gewählten Politiker die Kontrolle verlieren. Damals kam es regelmäßig zu Spekulationsattacken gegen einzelne Länder.
Damals wie in der jüngsten Vergangenheit wieder, galt nach herrschender Ökonomie-Lehre, dass jeder halt im Grunde selbst zusehen muss, wie er mit dem Wandel zurechtkommt. Stichwort Eigenverantwortung. Ein irrer Anspruch in einer Welt, in der selbst die Herrschenden die Kontrolle verlieren. Verantwortung kann man ja nur für etwas übernehmen, was man selbst einigermaßen beeinflussen kann.
Wie irre der Anspruch ist, wurde damals wie heute nach den Crashs offenbar - die durch Finanzspekulationen entstanden, deren Folgen aber auch Arbeitnehmer (die ihren Job verloren) und Steuerzahler gleichermaßen zu spüren bekamen.
Dem Crash folgt der Rechtsruck
Danach korrigierte die Politik aber nicht mit kühlem Kopf die unerwünschten Nebenwirkungen der Globalisierung. Stattdessen folgte eine Kaskade fataler Reflexe, die sich mehr oder weniger dumpf gegen alles Internationale richteten. So erließen die USA Gesetze gegen Zuwanderung - aus Sorge vor europäischen "Wirtschaftsmigranten" und Überforderung durch "zu viele europäische Kulturen", wie der britische Historiker Harold James erklärt.
Die Konsequenz: Nur noch ausgewählte Nationalitäten durften rein - worauf andere Staaten die Amerikaner nicht mehr reinließen. Heute passiert ähnliches: ständig werden Asylgesetze verschärft - oder gleich Stacheldrahtzäune errichtet und Mauerfantasien gepflegt.
Damals folgte dem Börsen- und Bankencrash politisch fast überall in Europa ein Rechtsruck. Tendenz: wie heute. Kein Zufall, wie systematische Auswertungen von Historikern ergeben haben. Demnach gewinnen rechte Parteien nach Finanzkrisen bei Wahlen im Schnitt 40 Prozent Stimmen hinzu. Die Trumps, Le Pens, Hofers und Petrys danken.
In den Dreißigern stieg wie heute die Zahl der Länder, in denen national-rechte bis autoritäre Politiker die Macht übernahmen. Heute zeigen die Führungsleute in Russland, der Türkei, Ungarn und Polen, dass die Regel auch im 21. Jahrhundert noch zu gelten scheint. Wer weiß, nächste Woche vielleicht auch in den USA. Alarm.
Wirtschaftspolitisch folgten auf die Krise des Liberalismus nicht Versuche, die Fehlentwicklungen einer unkontrollierten Globalisierung zu beheben - sondern mehr oder weniger fatale nationale Reflexe. Andere Zeiten? Naja.
1931 waren es die Briten, zuvor noch große Verfechter des Liberalismus, die als erste den Goldstandard verließen - jenen Währungsverbund, der die Globalisierung lange ermöglichte. Sozusagen ein Ur-Brexit. Jene Briten, die auch diesmal in guten Zeiten noch für möglichst offene Grenzen (auch für polnische Arbeiter) warben, um jetzt als erste die Grenzen (für besagte) zumachen und den EU-Verbund verlassen zu wollen.
Anno 1931 löste der Früh-Brexit eine fatale Kettenreaktion aus. Die Franzosen erhöhten zur Strafe die Zölle, andere werteten ihre Währungen wieder ab. Es folgte ein Wettlauf der Abwertungen und Abschottungen. Und der Kollaps des Welthandels.
Wenn etwas gruseln lässt, dann die Geschwindigkeit, mit der die Schwellen damals fielen und der Absturz an Dynamik gewann. Immerhin war jene Zeit noch nicht so lange her, wo man beim Tee mal eben Waren rund um den Globus bestellte - und die eher an heute erinnert. Irgendwann habe überall die Haltung vorgeherrscht, dass "im Grunde alles gestoppt werden sollte, was sich über Grenzen hinwegbewegt", so Harold James. Ende der Globalisierung.
Nach Diagnose des französischen Historikers Pierre Milza trug zur politischen Eskalation in den Dreißigern bei, dass sich überall "die Mittelschicht, getrieben von Abstiegsängsten (ins Proletariat), radikalisierte"; das Bürgertum "zurück wollte in eine (verklärte) Welt, in der jeder wieder seinen vorbestimmten Platz hat"; und sich "die Eliten als unfähig erwiesen, auf die tiefe Krise (des Liberalismus) zu reagieren". Sätze, die auch aus einer deutschen Talkshow anno 2016 stammen könnten. Oder aus dem Wutprogramm der Trumps.
Noch ist Zeit, die Krise dieses Mal besser zu bewältigen
Apropos post-faktisch. In den Dreißigern sei plötzlich auch alles Rationale und Wissenschaftliche beschimpft worden, so Pierre Milza. Die Lügenpresse sowieso. Und es gab ein Comeback der Instinkte und regionalen Traditionen. Katalonien. Schottland. Bayern. Alles wieder im Angebot. Gruselig.
Klar lassen sich immer noch eine Menge Unterschiede finden. Das Internet etwa, das heute eine ganz andere internationale Verständigung ermöglicht - aber auch den Irren nutzt. Auch ein paar Jahrzehnte gelebte europäische Ferien. Für den Historiker James sind die Parallelen mittlerweile aber "erschreckend".
Noch ist Zeit zu belegen, dass wir die Krise einer entgleisten Globalisierung am Ende diesmal besser bewältigen - und das angehen, was tatsächlich schiefgelaufen ist. Sprich: vor allem die Ursachen von Reichtumsgefälle, Globalisierungsängsten, Bankendominanz und verheerenden Finanzkrisen beheben.
Alles Dinge, für die unsere US-Freunde am besten Bernie Sanders hätten wählen müssen. Statt Grenzen zu schließen, plumpen Nationalismus zu zelebrieren und die Illusion einer heilen alten Zeit zu nähren - und damit nur alte Katastrophen zu wiederholen. Wie es in der Nacht auf Mittwoch bittere Realität werden könnte.
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