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domingo, 5 de junio de 2016

Verschwinden wir als Freunde

Eine Kolumne von Sibylle Berg

Pöbeln ist so einfach. Macht aber schlechte Laune. Ist doch viel einfacher, sich zu sagen: Bald sind wir ohnehin alle tot.
Sibylle Berg
Kolumne
Die Geschichte, die ich Ihnen heute zum Einschlafen erzählen möchte, beginnt mit einem beiläufigen Satz auf Twitter. "Hach ja, das Leben kann so einfach sein, an der #Goldküste des #Zürichsee." Schreibt Markus, nach oberflächlicher Spionage Kleinunternehmer aus München.Die Replik, die sich gewaschen hat, bezieht sich auf einen durchschnittlich analytischen Text von mirhier auf dieser Plattform aus der letzten Woche. Der kurz zusammengefasst aussagte, dass ich verwirrt betrachte, was in der Welt gerade passiert, und dass es mir, um nicht in eine Panik zu geraten, hilft, jeden Morgen ein wenig zufrieden zu sein, denn es ist kein Krieg vor meiner Tür und mein Körper funktioniert noch recht gut.
Dieser kleine Trick aus der Psycho-Beschwichtigungskiste für Laien ist nicht meine Erfindung. Aber was habe ich schon erfunden, außer der Kunst des Besserwissens? Okay, zurück zu dem großen Problem, das sich in Markus' kleinem Post ausdrückt. Wir verlassen dazu Markus, von dem ich keine Ahnung habe, verlassen die Goldküste, reden wir von M. - dem Menschen.
Großes Misstrauen, große Angst
M. möchte nicht innehalten, und sei es nur für kurze Zeit, um sich daran zu erinnern, dass niemand ihm oder ihr ein Leben in Reichtum und Frieden versprochen hat. Es gibt kein Anrecht auf nichts per Geburt, und hätte M. das Pech, als Kuh geboren worden zu sein, wäre er oder sie jetzt bereits Tartar. Im Laufen verzehrt von irgendeinem Deppen, der Tiere echt gerne mag. Nicht innehalten, nicht denken, agieren. In M.s Fall mit Ablehnung.
Studiert man M.s Posts in den sozialen Netzwerken, dann sprechen sie von großem Misstrauen in die Politik, und von großer Angst vor dem Islam. Beide Ängste sind echt okay und nicht unbegründet. Ich kann nicht wissen, was einem Menschen an Unbill widerfahren ist. Vielleicht wurde M.s Kind von einer Gang verprügelt, M.s Firma von einem Asylantenmob geschreddert. Und wenn nicht heute, so kann es morgen passieren. Warum nicht.
Es kann alles passieren, teilweise auch Dinge, die so schrecklich sind, dass selbst die Fantasie eineR TieresserIn dazu nicht ausreicht, sie sich vorzustellen. Was sich in den Aussagen des Menschen M. manifestiert, ist das große Problem des generellen Misstrauens, der Ablehnung und des Neides, das die Menschen in vielen europäischen Ländern gerade in zwei Lager spaltet. M. fühlt sich als Zukurzgekommener. Die Schweiz steht für ihn als Synonym des Bösen, Nazigold, Nestlé, viele Deutsche haben bisher auch das Steuersystem des Landes noch nicht begriffen, das nur für ein Einkommen über eine Million erleichternd ist. Mittelprächtige Freiberufler würden in den meisten Ländern sehr viel mehr Geld zur Verfügung haben. Egal.
Tee trinken, durchatmen, weniger hass Die atemlose Ablehnung jedes Lebensentwurfs, der nicht dem eigenen entspricht, jedes Status, der dem eigenen nicht vergleichbar erscheint, ist Ausdruck der tiefen Verunsicherung der M.s, die auch wiederum vollkommen zu Recht erfolgt. Das Leben ist nicht sicher. Leute gehen viel zu schnell kaputt. Früher war mit 40 Schicht im Schacht, heute vielleicht mit 80. Und was da alles schiefgehen kann. Vielleicht überleben wir die AfD, die Flüchtlinge, die Roboter, die multiresistenten Keime und den Feudalismus vor unserer Tür. Vermutlich - nicht.
Mensch M., lassen Sie uns einen Tee zusammen trinken, trinken Sie Tee mit allen, die Sie gerade hassen! Sie werden merken, wir haben alle keine Ahnung. Islamismus, die vierte industrielle Revolution, das Erstarken polemischer Konservativer, die uns auch nicht retten werden, sondern nur ihre reichen Buddys - die Welt ist für uns Europa, und darum geht es doch, oder? Was interessiert uns schon der Rest - der ist unsicher und bedrohlich geworden. Wir hatten bisher einfach Glück. Richtige Zeit, richtiger Ort, Sie wissen schon. Stellen Sie sich vor, wir wären in Bangladesch geboren. Als Kinder einer Frau in einer Textilfabrik. Na Mahlzeit.
Hass hilft nicht, Angst hilft nicht. Tee trinken, durchatmen, weniger hassen, nachdenken, ob noch etwas zu retten ist, vermutlich nein. Also lassen Sie uns als Freunde von dieser Welt verschwinden.
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