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viernes, 13 de mayo de 2016

Festival-Cannes-Tagebuch: Kapitalistenschweine gehören aufgefressen

Aus Cannes berichtet Hannah Pilarczyk

Filmszene aus "Ma Loute"
Festival de Cannes
Filmszene aus "Ma Loute"
Die Klassenfrage kulinarisch lösen: In Bruno Dumonts Groteske "Ma Loute" verspeisen die Armen die Reichen einfach - sehr unterhaltsam. Doch sind andere Filme aktueller in ihrer Sozialkritik.
Und zack! kriegt Juliette Binoche eins mit dem Ruder übergezogen. Das ist einerseits nicht persönlich gemeint, schließlich wird sie in ihrer Rolle als hysterische Gesellschaftsdame in Bruno Dumonts Sittenkomödie "Ma Loute" vermöbelt. Und andererseits dann doch: Denn ziemlich eindeutig wird hier Binoche stellvertretend für Frankreichs Schauspielelite die Fresse poliert. Dabei kann sie noch von Glück reden. Sonstige Mitglieder der Oberschicht landen in "Ma Loute" erst auf dem Schlachtblock einer hiesigen Muschelsammlerfamilie und dann in deren Mägen. Mangez les riches!

Auf einem Festival, das sich mit Politik immer wieder schwer tut, ist das die Art von Kino, die immer geht. 1910 an einem Küstenort nahe Calais angesiedelt, inszeniert Dumont den Klassenkampf als Kasperletheater in Edelausstattung. Reiche Sommergäste verlassen sich darauf, dass der junge Muschelsammler Ma Loute (Brandon Lavieville) und sein Vater sie sicher über einen Fluss übersetze. Tatsächlich greifen die beiden am Ufer aber nur ihre nächste Mahlzeit ab. Die Großfamilie Van Peteghem, allen voran Aude Van Peteghem (Binoche) und ihre pubertierende Tochter Billie (Raph), mischt das Dorfleben kurzfristig auf. Doch am Ende, nachdem es zu einem Transgender-Comingout und mehreren Levitationen gekommen ist, nehmen Arm und Reich wieder ihre angestammten Plätze ein.
Dumont ist für diese Art der fantastischen Groteske in den letzten Jahren berühmt geworden, allen voran für seine Miniserie "P'tit Quinquin", die 2014 von der Kritik gefeiert wurde. Ein Vorrücken in den Wettbewerb vonCannes mit seinem nächsten Film war deshalb gewissermaßen ein Automatismus. Doch im französischen Frühsommer 2016 fühlt sich der Film nicht richtig an.
Soldaten mit Maschinengewehren patrouillieren an der Croisette. Straßenverkäufer, die in diesem Jahr mehr Regenschirme als Selfie-Sticks verkaufen, werden von der Polizei aufgegriffen. Die Schlangen vor den Festivalkinos sind noch länger, weil die Sicherheitskontrollen strenger geworden sind. Angespannt ist die Stimmung nicht, aber nüchterner, verhaltener. Sieben Monate nach der Anschlagserie in Paris und 16 Monate nach Charlie Hebdo hat das Kino, diese trägste aller Künste, noch keinen Umgang mit dem Terrorismus in Europa gefunden.
Szene aus "I, Daniel Blake"
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Festival de Cannes
Szene aus "I, Daniel Blake"
Das soll nicht heißen, dass jeder Film, der nicht den Zugang zur Gegenwart sucht, vermessen ist. Doch Arbeiten, die eben das versuchen, die die aktuelle politische Situation dokumentieren und begreifen wollen, erscheinen dringlicher. Dazu gehört auch Ken Loachs Wettbewerbsfilm "I, Daniel Blake", der die neuen Gnadenlosigkeiten des britischen Sozialstaat aufzeigt.
Der 59-jährige Schweißer Daniel Blake (Dave Johns) ist nach einer Herzattacke von seinen Ärzten krank geschrieben, das Arbeitsamt verweigert ihm jedoch wegen Unzulänglichkeiten in seinem Antrag das Krankengeld. Um sich zumindest für Arbeitslosengeld zu qualifizieren, verlangt das Amt, dass er sich aktiv um Arbeit bemüht - die er aus gesundheitlichen Gründen jedoch nicht annehmen kann.
Dilemma gibt es bei "I, Daniel Blake", wie so oft bei Loach, nicht, alle Fragen lassen sich umstandslos mit Herz und Menschenverstand beantworten. Und doch kann man den Film nur schwer abtun, denn ihm gelingt das, was der Titel bereits für sich in Anspruch nimmt: Hier wird einem Menschen ein Name und das Recht darauf, gehört zu werden, zugestanden. Das ist scheinbar nicht viel, und Ken Loach und sein Stammautor Paul Laverty erreichen dieses Ziel mit den filmisch einfachsten Mitteln. Doch in dieser Bescheidenheit steckt eine Kraft, die nachwirkt. Gut möglich, dass eines der bleibenden Bilder dieses Festivals ist, wie sich Daniel Blake verzweifelt lächelnd seine Mütze über den kahlen Schädel zieht und einmal mehr unverrichteter Dinge das Arbeitsamt verlässt.
Szene aus "Sieranevada"
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Festival de Cannes
Szene aus "Sieranevada"
Subtiler durchdringt Politik das Setting von "Sieranevada", dem neuen Film vom rumänischen Regisseur und Autor Cristi Puiu, der vorab als Geheimfavorit gehandelt wurde. Zwei Stunden zum Essen mit der Familie, länger wird es nicht, verspricht Lary (Branescu Mimi) seiner Frau.
Vor vier Monaten ist sein Vater gestorben, nun soll ein Priester im Rahmen der Familie eine kleine Trauerzeremonie abhalten. Doch der Priester verspätet sich, und während Kohlraden und Fischsuppe kalt werden, erhitzen sich die Gemüter. Es geht um Verschwörungstheorien zu 9/11 und Religion, Ehebruch und Kommunismus, warum der jüngste Sohn der Familie einen Anzug des Verstorbenen anziehen muss und was die Kroatin (die eigentlich Serbin ist), die im Nebenzimmer ihren Rausch ausschläft, wirklich eingenommen hat.
Bis auf wenige Szenen hat Puiu seinen dritten Spielfilm in einer einzigen Wohnung aufgenommen, die er jedoch durch eine grandiose Kameraarbeit geradezu labyrinthisch aussehen lässt. Wie die Wohnung ist auch die Familie erstaunlich unübersichtlich. Man muss gut zuhören, damit sich die Verwandtschaftsgrade und Beziehungen erschließen, doch das lohnt sich bei Puiu sowieso. Seine Dialoge sind in ihrer Lebendigkeit und Genauigkeit kaum zu überbieten und seine Witze so gut, weil sie sich aus den Szenen entwickeln und man mitlacht, als würde man selbst an diesem Esstisch sitzen, an dem es Stunde um Stunde nicht zur Mahlzeit kommt, weil es immer irgendwo noch eine Kabbelei gibt, die erst gelöst werden muss.

Doch gibt es etwas, dass diese Streitereien verbindet, den Film zu einer kohärenten Erzählung werden lässt? Lange, genauer gesagt fast zwei Stunden lässt sich Puiu mit der Antwort Zeit. Dann muss Lary die Wohnung verlassen und nach seinem Auto schauen, das von einem anderen Autofahrer blockiert wird. Sofort kommt es zur lautstarken Auseinandersetzung zwischen Lary und den Anwohnern, die meinen, der Arzt habe sein schickes Familienauto falsch geparkt. Sogar eine Schlägerei bahnt sich an, als sich ein besonders aufgebrachter Passant einmischt. Keine ordnenden Instanzen, keine verlässlichen Wahrheiten, dafür Ressentiments und aufgestaute Wut - in diesem Moment kommt "Sieranevada" als Film zusammen.
Wie die Schreibweise des Titels vorweg nimmt, wird hier die rumänische Variante des wilden Westens präsentiert. Vor Larys Vater sind bereits die anderen Patriarchate weggebrochen, allen voran der Kommunismus, aber auch die Medien mit ihren offiziellen Wahrheiten.
Was sie zurückgelassen haben, sind Söhne, die sich jedoch so gar nicht als Pioniere anbieten, um das neue, vaterlose Land zu erobern. Wohin sich die rumänische Gesellschaft entwickeln wird? Puiu maßt sich keine Vorhersagen an, doch seine Bestandsaufnahme ist brillant.
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